Kuratorisches Statement

Im Mikrokosmos von Taiwan spiegeln sich die historischen Entwicklungen, die zu der globalisierten Welt von heute führten. Nachdem diese schöne Insel lange unter der Kolonialherrschaft gleich mehrerer Nationen stand – die Niederlande, Japan – gelingt es ihr heute, vom kulturellen Austausch zu profitieren. Taiwan steckt voller Gegensätze: Spitzentechnologie und traditionelle Kulturen, die Omnipräsenz der Chinesen und die Minderheit der siebzehn austronesischen Stämme, Demokratie und Korruption. Trotz begrenzter Fläche (1/15 von Frankreich) ist das Land ein Konjunkturmotor für die globale Hightechindustrie.

Taiwan – Teil der Welt und gleichzeitig isoliert – beobachtet und umkreist den Globus wie ein Satellit und sendet Botschaften an den Rest der Welt aus. Der Konflikt zwischen dem stark ausgeprägten nationalen Identitätsgefühl und dem ungeklärten rechtlichen Status im Verhältnis zu China ist allgegenwärtig und prägt den Alltag. Diese Gespaltenheit lässt sich am besten als „Taiwans Schizophrenie“ beschreiben:

Die Schizophrenie Taiwans kommt schon im Namen zum Ausdruck: Tai 台 (Terrasse, Plattform) und wan 灣 (Bucht). Taiwan ist zugleich Zentrum (Terrasse, Plattform Knotenpunkt) und Peripherie (Bucht, Zugang), verkörpert Fortschritt (Technologie) und Erbe (Tradition), repräsentiert Osten und Westen, Innen und Außen (von China).

*Schizophrenia Taiwan 2.0* thematisiert diese dynamischen Widersprüche und Dualitäten und entwirft in Anlehnung an Heiner Müllers postmodernes Theaterstück „Die Hamletmaschine“ (1997) eine *Taiwanmaschine*. Müller thematisiert in seinem Werk u.a., wie Technologie die Welt revolutioniert, indem sie traditionelle narrative Strukturen aufbricht und die Medien zum zentralen Faktor der Wirtschaft macht. Maschinen sind für Müller allgegenwärtig und Ursache für eine permanente und alles erfassende Revolution. Einer solchen Revolution – der digitalen – nähern wir uns hier über die Ansätze und Arbeiten junger taiwanesischer Medienkünstler. Geboren zwischen der Ära des Farbfernsehens und des Smartphones und aus einem Land kommend, in dem 80 Prozent der elektronischen Geräte der Welt hergestellt werden, sind sie sich des Risikos und des Potenzials der Globalisierung und der Kybernetik voll und ganz bewusst. Ihre Arbeiten spiegeln die Herausforderungen, vor denen Taiwan und die ganze Welt heute stehen.

Aus dem Englischen von Martina Bauer

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